MB
»Berufswunsch: Tänzerin und Sängerin«, sagt Marla, »das habe ich schon als kleines Mädchen in das Poesiealbum einer Freundin geschrieben.« Und wenn Marla Blumenblatt sich etwas in den Kopf setzt, dann schafft sie es auch.Marla wird Tänzerin – in Wien, New York, Paris und Las Vegas, solange bis es der jungen Frau in den Kopf schießt und sie noch mal ganz von vorne anfängt: Als Sängerin in Berlin. Der schlageresque-schlüpfrige Sechzigerjahre-Sound auf ihrem Debütalbum »Immer die Boys« machte sie 2013 von Jetzt auf Gleich zur Retro-Queen. Aber Marla Blumenblatt wäre nicht Marla Blumenblatt, wenn sie sich mit ihrer neuen EP, die im Frühjahr 2015 erscheinen wird, nicht schon wieder neu erfunden hätte. Ein weiteres Mal vereint sie das Feeling der Sixties mit dem Clubsound der Gegenwart und ihrer eigenen Geschichte.

Und die geht so: Marla’s Eltern kommen in den Siebzigerjahren als Gastarbeiter aus Bosnien und Mazedonien nach Wien. Das Geld ist knapp, die Familie wohnt in einer Einzimmerwohnung auf 30 Quadratmetern. Als ihr Bruder anfängt, Ballett zu tanzen, sieht er das Tanztalent auch bei seiner Schwester. »Aber ich hatte keinen Bock!«, sagt Marla und lacht. »Mit neun Jahren hat man eben anderes im Sinn als Bauchmuskelübungen.« Aber Marla findet Gefallen am Tanzen und die Eltern – Vater Staplerfahrer, Mutter Schneiderin – arbeiten nach Feierabend zusätzlich als Hausbesorger, damit das Geld irgendwie reicht um den Ballettunterricht der Kinder bezahlen zu können.

Irgendwann reicht das Geld sogar für eine größere Wohnung, auch wenn die Familie jetzt Tür an Tür mit Drogensüchtigen und verurteilten Mördern am Rande der Stadt lebt. Nach neun Jahren klassischer Ballettausbildung am angesehenen Wiener Konservatorium beschließt Marla, Österreich zu verlassen. Mit 18 schmeißt sie die Schule – ohne das Abitur zu machen. »Für meine Eltern ist eine Welt zusammengebrochen«, erinnert sich Marla. »Denen wäre es am liebsten gewesen, ich hätte eine Ausbildung als Friseurin gemacht, einen reichen Mann geheiratet und Kinder bekommen.« Aber Marla hat ein Ziel vor Augen: Das Tanzen. Sie finanziert sich mit Auftritten und Tourneen, macht Model- und Moderatorenjobs und schauspielert; bis sie ein Stipendium für das renommierte Tanzstudio »Steps on Broadway« erhält und nach New York zieht.

In New York merkt sie, dass im Ballett kein Platz für’s Frausein und Freiheit bleibt. Aber hinschmeißen? Niemals. Marla kennt nur den Weg nach vorne. Und der führt sie 2007 nach Paris, wo sie ein Engagement im weltbekannten Varieté »Crazy Horse« annimmt. Nach nur zwei Wochen Probe steht sie bereits auf der Bühne und wird 2008 mit nach Vegas genommen, wo sie als Showgirl 13 Mal die Woche tanzt und irgendwann sogar ein Angebot vom Cirque de Soleil erhält. Marla schlägt das Angebot in Las Vegas aus und kehrt 2009 für ein zweijähriges Solisten-Engagement zurück ins Pariser Crazy Horse.

Es wird die Krönung in Marla’s Tanzkarriere. Sie tanzt für und mit Dita von Teese, Jean Paul Gautier, Sonya Rikiel, Kyle Minouge, 50 Cent, Christina Aguliera, U2, Sharon Stone und viele mehr. »Es war eine tolle Zeit, aber ich wollte mich auf der Bühne nicht mehr länger nur mit meinem Körper ausdrücken und ansonsten die Klappe halten«, erinnert sich Marla. Und weil schon damals in ihrem Poesiealbum der Berufswunsch Sängerin stand, geht sie 2011 nach Berlin. Hier startet Marla ihre Musikkarriere.

Sie versucht sich an Cabaret und Liedermacherei, spielt erste Showcases und vermengt auf ihrem Debütalbum »Immer die Boys« 2013 den Sound der späten 50er und das Gefühl der Heimatfilme, die sie als kleines Kind sah, mit überzeichneten und schlüpfrigen aber nie platten oder plumpen Texten zu einer erstklassigen Retro-Melange, die sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Anfang 2014 entdeckt Psaiko.Dino, seines Zeichens Tour-DJ des deutschen Rap-Superstars Cro und Top-Ten-Produzent, die Musik von Marla und remixt fünf ihrer Debütsongs. Aus dieser Zusammenarbeit entsteht die gemeinsame Remix-EP »Wie wär’s«, die selbst innerhalb der deutschen HipHop Szene für Furore sorgte und in gewisser Weise auch Einfluss auf Marlas neue Veröffentlichung nimmt. »Als ich die Remixe von Markus gehört habe, wusste ich, dass ich genau das machen und diese beiden Welten vereinen möchte.«

Natürlich ist da immer noch das Spiel mit dem Schlager, den Singspielen, der versteckten Sexyness. Aber Marla vermischt nun den Klang der Sixties, mit dem modernen Sound der Großstädte zu ihrer ganz eigenen Musik, die sie Trifties nennt. »Ich habe schon als junges Mädchen viel HipHop von Salt’n’Pepa, Wu-Tang Clan und Cypress Hill aber auch R’n’B von Whitney Houston gehört. Warum soll das nicht auch eine Rolle in meiner Musik spielen?« Folglich bekommen die pompösen Bläsern und Twang-Gitarren jetzt dank druckvoller 808-Drums und Synthies noch mehr Power.

Auch textlich hat sich bei Marla einiges verändert. Kantiger und direkter sind die Lyrics geworden – und auch persönlicher. »Ich habe noch so viele andere Seiten an mir zu zeigen und möchte darüber singen, wie ich selbst vieles wahrgenommen habe. Ich bin in einer schlechten Gegend aufgewachsen und habe schlimme Dinge gesehen. Also habe ich erst mal auf heile Welt gemacht – aber irgendwann muss es eben doch raus! Ich möchte davon erzählen und Leuten Mut machen. Auch wenn du glaubst, dass du es aus kulturellen oder finanziellen Gründen nicht schaffen kannst, etwas an deiner Situation zu ändern – es geht. Es gibt immer einen Weg. Der kann zwar schwer sein – aber es gibt ihn.«

(Autor: Jan Wehn)

 

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